Studien zur Chiropraktik #12
Lange Zeit wurden Schmerzen vor allem als Folge einer Gewebeschädigung betrachtet. Die Übersichtsarbeit von Bushnell, Čeko und Low, veröffentlicht 2013 in Nature Reviews Neuroscience, zeigt jedoch, dass Schmerz weit mehr ist als ein Signal aus Muskeln, Gelenken oder Bandscheiben. Insbesondere chronische Schmerzen können die Funktion und sogar die Struktur des Gehirns beeinflussen.
Schmerz entsteht im Nervensystem
Schmerz ist kein direkter Ausdruck von Gewebeschäden, sondern das Ergebnis einer komplexen Verarbeitung im zentralen Nervensystem. Zahlreiche Hirnregionen sind an dieser Verarbeitung beteiligt, darunter:
- der präfrontale Cortex (Bewertung und Entscheidungsprozesse),
- der anteriore cinguläre Cortex (emotionale Komponente des Schmerzes),
- die Insula (Körperwahrnehmung),
- der Thalamus (Weiterleitung sensorischer Informationen),
- die Amygdala (Angst und emotionale Reaktionen),
- sowie verschiedene Hirnstammregionen, die Schmerzsignale hemmen oder verstärken können.
Schmerz ist somit nicht ausschließlich ein körperliches, sondern auch ein neurobiologisches und emotionales Phänomen.
Chronische Schmerzen führen zu Veränderungen im Gehirn
Ein zentrales Ergebnis der Arbeit ist, dass chronische Schmerzen mit funktionellen und strukturellen Veränderungen bestimmter Hirnareale verbunden sind.
Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) konnten verschiedene Studien zeigen, dass bei chronischen Schmerzpatienten die Aktivität in Hirnregionen verändert ist, die für:
- Aufmerksamkeit,
- Emotionen,
- Motivation,
- Lernen,
- Gedächtnis,
- und die Schmerzhemmung
zuständig sind.
Diese Veränderungen werden als Neuroplastizität bezeichnet – also die Fähigkeit des Gehirns, sich an wiederkehrende Reize anzupassen. Während Neuroplastizität grundsätzlich eine wichtige Eigenschaft des Nervensystems ist, kann sie bei anhaltenden Schmerzen zu ungünstigen Anpassungen führen.
Verminderte graue Substanz bei chronischen Schmerzen
Besonders bemerkenswert sind die Befunde hinsichtlich der grauen Substanz. Mehrere Studien, die in der Übersichtsarbeit zusammengefasst werden, zeigten, dass Patienten mit chronischen Schmerzen Veränderungen des Volumens der grauen Substanz aufweisen.
Betroffen sind unter anderem:
- der dorsolaterale präfrontale Cortex,
- der anteriore cinguläre Cortex,
- die Insula,
- sowie der Thalamus.
Diese Regionen spielen eine entscheidende Rolle bei:
- der Schmerzmodulation,
- emotionalen Prozessen,
- Aufmerksamkeit,
- Arbeitsgedächtnis,
- und exekutiven Funktionen.
Interessanterweise weisen die Autoren darauf hin, dass diese Veränderungen nicht zwangsläufig dauerhaft sind. Nach erfolgreicher Behandlung und einer Reduktion der Schmerzen konnten in mehreren Untersuchungen teilweise reversible Veränderungen beobachtet werden. Das Gehirn besitzt also die Fähigkeit zur Regeneration.
Chronische Schmerzen beeinflussen Emotionen und Verhalten
Die Studie beschreibt außerdem die enge Verbindung zwischen Schmerz und emotionalen Zentren des Gehirns.
Anhaltende Schmerzen können:
- Angst verstärken,
- depressive Symptome fördern,
- Stressreaktionen erhöhen,
- die Aufmerksamkeit auf Beschwerden lenken,
- und zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit beitragen.
Dadurch kann ein Teufelskreis aus Schmerz – Stress – verstärkter neuronaler Sensibilisierung – stärkerer Schmerzwahrnehmung mit der Folge von noch mehr Stress entstehen:

Störungen der körpereigenen Schmerzhemmung
Das Gehirn verfügt normalerweise über sogenannte absteigende inhibitorische Bahnen. Diese Systeme können Schmerzsignale aus Rückenmark und Peripherie aktiv abschwächen.
Bei chronischen Schmerzen scheinen diese Mechanismen jedoch häufig beeinträchtigt zu sein. Gleichzeitig können schmerzverstärkende Systeme überaktiv werden. Dadurch entsteht ein Zustand zentraler Sensibilisierung, bei dem selbst geringe Reize als schmerzhaft empfunden werden.
In manchen Fällen besteht der Schmerz fort, obwohl die ursprüngliche Verletzung oder Gewebeschädigung längst verheilt ist.
Bedeutung für die Behandlung
Die Erkenntnisse dieser Übersichtsarbeit verdeutlichen, warum moderne Behandlungsansätze bei chronischen Schmerzen multidimensional sein sollten.
Zu den Faktoren, die positiv auf die Neuroplastizität und die Schmerzregulation wirken können, gehören:
- körperliche Aktivität,
- Bewegungstherapie,
- manuelle Therapieverfahren wie Chiropraktik,
- Schlafoptimierung,
- Stressmanagement,
- Schmerzaufklärung,
- positive Erwartungen und Selbstwirksamkeit,
- sowie psychologische Interventionen.
Ziel ist es nicht nur, Symptome kurzfristig zu reduzieren wie z.B. durch die Einnahme von Schmerzmitteln, sondern auch die veränderte Schmerzverarbeitung des Nervensystems günstig zu beeinflussen.
Fazit
Die Arbeit von Bushnell und Kollegen zeigt eindrucksvoll, dass chronische Schmerzen nicht nur eine Folge körperlicher Veränderungen sind, sondern selbst Veränderungen im Gehirn hervorrufen können. Betroffen sind Regionen, die für Emotionen, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und die körpereigene Schmerzhemmung verantwortlich sind.
Die gute Nachricht: Das Gehirn ist plastisch. Viele dieser Veränderungen scheinen zumindest teilweise reversibel zu sein. Eine moderne Behandlung chronischer Schmerzen sollte daher nicht ausschließlich auf Strukturen wie Gelenke oder Bandscheiben fokussieren, sondern das gesamte Nervensystem und die Faktoren berücksichtigen, die dessen Funktion beeinflussen.
Ein besonders interessanter Aspekt dieser Arbeit ist, dass die Autoren chronische Schmerzen teilweise als eine Form von „maladaptiver Neuroplastizität“ beschreiben. Das heißt: Das Gehirn „lernt“ Schmerz. Dadurch verschiebt sich die Verarbeitung zunehmend weg von rein sensorischen Arealen hin zu Regionen, die für Emotionen, Motivation und Verhalten zuständig sind. Dies gilt heute als eine der wichtigsten neurobiologischen Erklärungen dafür, warum chronische Schmerzen häufig mit Erschöpfung, Konzentrationsproblemen, Angstzuständen und Depressionen einhergehen und warum die Beschwerden oft nicht allein durch strukturelle Befunde erklärt werden können.
Quelle

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