Studien zur Chiropraktik #9
Wer regelmäßig Patienten mit Rückenschmerzen behandelt, kennt das Phänomen: Zwei Menschen kommen mit scheinbar ähnlichen Beschwerden in die Praxis, erhalten eine vergleichbare chiropraktische Behandlung – und dennoch unterscheiden sich die Ergebnisse deutlich.
Eine Studie aus dem European Spine Journal aus dem Jahr 2019 ging genau dieser Frage nach und untersuchte, warum manche Patienten besonders gut auf eine Impulsmanipulation der Wirbelsäule reagieren, während andere deutlich weniger profitieren.
Was wurde untersucht?
Die ForscherInnen untersuchten 32 Patienten mit unspezifischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule. Alle TeilnehmerInnen erhielten manuelle Manipulationen der Lendenwirbelsäule. Zusätzlich wurden vor und nach der Behandlung MRT-Aufnahmen angefertigt, um Veränderungen an Bandscheiben und Gelenken sichtbar zu machen.
Nach einer Woche wurden die TeilnehmerInnen in zwei Gruppen eingeteilt:
- Patienten mit einer deutlichen Verbesserung ihrer Beschwerden (mindestens 30% weniger Einschränkung)
- Patienten ohne relevante Verbesserung
Anschließend verglichen die Wissenschaftler die MRT-Befunde beider Gruppen.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Weniger Verschleiß – bessere Behandlungsergebnisse
Patienten, die besonders gut auf die chiropraktische Behandlung ansprachen, zeigten tendenziell weniger ausgeprägte Verschleißerscheinungen an den Facettengelenken der Wirbelsäule. Außerdem wiesen ihre Bandscheiben bereits vor der Behandlung eine bessere Wasserbeweglichkeit auf.
Die Unterschiede waren aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl statistisch noch nicht eindeutig genug, deuten aber auf einen interessanten Zusammenhang hin.
2. Verbesserte Flüssigkeitsbewegung in den Bandscheiben
Besonders spannend: Die Patienten mit den besten Behandlungsergebnissen zeigten direkt nach der Manipulation eine erhöhte Diffusion innerhalb der Bandscheiben der schmerzhaften Wirbelsäulenabschnitte.
Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass Wasser und Nährstoffe nach der Behandlung besser innerhalb der Bandscheibe verteilt wurden.
Da Bandscheiben keine eigene Blutversorgung besitzen, sind sie auf solche Diffusionsprozesse angewiesen, um mit Nährstoffen versorgt zu werden.
3. Rückenschmerzen sind nicht gleich Rückenschmerzen
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „unspezifische Rückenschmerzen“ vermutlich keine einzelne Erkrankung darstellen, sondern eine Gruppe verschiedener Ursachen umfassen. Deshalb reagieren Patienten unterschiedlich auf dieselbe Therapie.
Was bedeutet das für die Chiropraktik?
Die Studie unterstützt eine Beobachtung, die viele Chiropraktoren aus der täglichen Praxis kennen:
Nicht jeder Patient reagiert gleich auf eine Manipulation der Wirbelsäule.
Stattdessen scheint es bestimmte Patientengruppen zu geben, die besonders gut von chiropraktischen Behandlungen profitieren. Die individuelle Beschaffenheit von Bandscheiben, Gelenken und anderen Strukturen könnte dabei eine wichtige Rolle spielen.
Bedeutet das, dass jeder Patient ein MRT benötigt?
Nein. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass aus den Ergebnissen keine Empfehlung für routinemäßige MRT-Untersuchungen vor chiropraktischen Behandlungen abgeleitet werden kann. Die Studie liefert vielmehr erste Hinweise auf mögliche lokale biologische Mechanismen hinter den unterschiedlichen Behandlungserfolgen.
Fazit
Diese Studie liefert interessante Einblicke in die Frage, warum manche Patienten deutlich stärker von chiropraktischen Behandlungen profitieren als andere.
Die Ergebnisse legen nahe, dass eine bessere Bandscheibenfunktion und geringere degenerative Veränderungen mit einem günstigeren Ansprechen auf chiropraktische Manipulationen zusammenhängen könnten. Gleichzeitig unterstreichen die Daten die Bedeutung einer individuellen Diagnostik und eines patientenspezifischen Behandlungsansatzes.
Für die Chiropraktik ist dies ein weiterer Schritt hin zu einem besseren Verständnis der lokal biologischen Prozesse, die hinter erfolgreichen Behandlungsergebnissen stehen.
Kritisch anzumerken ist jedoch, dass in der Studie die Beteiligung des zentralen und vegetativen Nervensystems nicht Gegenstand der Forschung war. Gerade bei der Frage nach dem Ansprechen von Patienten auf eine chiropraktische Behandlung könnte dem Nervensystem eine entscheidende Rolle zukommen. Auch könnten Patienten mit lokal ungünstigen Voraussetzungen der WS (Degenerationen), wie in dieser Studie beschrieben, im Vorfeld der Degeneration bereits zentralmotorische Störungen zugrunde liegen.
Quelle

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