Hat Chiropraktik Effekte auf das Gehirn?

Studien zur Chiropraktik #7

Die systematische Übersichtsarbeit von MEYER et al. untersuchte die Frage: Kann eine Wirbelsäulenmanipulation messbare Veränderungen im Gehirn auslösen?

Die Arbeit analysierte die bis dahin verfügbare wissenschaftliche Literatur zu neurophysiologischen Effekten von spinalen Manipulationen — also Veränderungen der Gehirn- und Nervensystemfunktion nach chiropraktischen Behandlungen.  

Ziel der Studie

Die Autoren wollten herausfinden:

  • ob Wirbelsäulenmanipulationen die sogenannte „Gehirnfunktion“ beeinflussen,
  • welche neurophysiologischen Veränderungen dabei beobachtet werden,
  • wie lange diese Effekte anhalten,
  • und ob sie mit klinischen Verbesserungen zusammenhängen.

Besonders kritisch betrachtet wurde dabei das Konzept der „Functional Neurology“, das davon ausgeht, dass chiropraktische Interventionen gezielt Gehirnfunktionen beeinflussen können.  

Studiendesign

Es handelte sich um eine systematische Literaturübersicht.

Die Forscher durchsuchten:

  • PubMed
  • Embase
  • PEDro

Insgesamt wurden:

  • 1514 Studien gescreent
  • 18 Studien eingeschlossen
  • 13 Studien final ausgewertet

Berücksichtigt wurden kontrollierte Studien, die neurophysiologische Marker nach spinaler Manipulation untersucht hatten.  

Welche neurologischen Messungen wurden untersucht?

Die eingeschlossenen Studien verwendeten verschiedene objektive Messverfahren, darunter:

  • EEG
  • fMRT
  • motorisch evozierte Potenziale (MEP)
  • somatosensorisch evozierte Potenziale (SEP)
  • cerebelläre Inhibition
  • Reaktionszeiten
  • metabolische Hirnaktivität

Dadurch konnten Veränderungen der neuronalen Verarbeitung direkt gemessen werden.  

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Hinweise auf Veränderungen der Gehirnfunktion

Mehrere Studien zeigten, dass Wirbelsäulenmanipulationen kurzfristige Veränderungen in verschiedenen neurophysiologischen Parametern auslösen können.

Beobachtet wurden unter anderem Veränderungen bei:

  • sensorischer Verarbeitung,
  • motorischer Kontrolle,
  • Gehirnaktivität,
  • cerebellärer Hemmung,
  • Schmerzverarbeitung.

Die Effekte traten meist unmittelbar nach der Behandlung auf.  

2. Veränderungen in Schmerz- und Sensorik-Netzwerken

Einige fMRT-Studien zeigten veränderte Aktivierungen in Hirnregionen, die mit Schmerzverarbeitung und sensorischer Integration zusammenhängen.

Dazu gehörten unter anderem:

  • Insula
  • cingulärer Cortex
  • parietale Regionen
  • sensorische Integrationsareale

Dies deutet darauf hin, dass chiropraktische Interventionen möglicherweise zentrale neuronale Netzwerke beeinflussen können.  

3. Verbesserte motorische Aktivierung

Mehrere Studien berichteten über Veränderungen motorisch evozierter Potenziale (MEPs).

Das könnte bedeuten, dass sich die Kommunikation zwischen Gehirn und Muskulatur kurzfristig verändert. In einzelnen Studien wurden zudem Verbesserungen bei Reaktionszeiten und Muskelaktivierung beobachtet.  

Wie bewerten die Autoren die Evidenz?

Trotz der interessanten Ergebnisse kamen die Autoren zu einer eher vorsichtigen Schlussfolgerung.

Die Hauptprobleme der bisherigen Forschung:

  • kleine Teilnehmerzahlen,
  • unterschiedliche Messmethoden,
  • uneinheitliche Ergebnisse,
  • oft nur kurzfristige Messungen,
  • teilweise schwache Kontrollgruppen,
  • begrenzte methodische Qualität vieler Studien.

Die Autoren betonen deshalb, dass die klinische Bedeutung der beobachteten Gehirnveränderungen bislang noch unklar ist.  

Zentrale Aussage der Review

Die Übersichtsarbeit kommt zu folgendem Fazit:

Es gibt Hinweise darauf, dass spinale Manipulationen neurophysiologische Veränderungen im Gehirn auslösen können — allerdings sind die Ergebnisse bisher inkonsistent, und ihre klinische Relevanz ist noch nicht eindeutig belegt.  

Warum ist die Studie trotzdem wichtig?

Die Arbeit von Meyer et al. gilt als eine der wichtigsten kritischen Übersichtsarbeiten zum Thema „Chiropraktik und Gehirn“.

Besonders relevant:

  • Sie bestätigt, dass neurophysiologische Effekte messbar sind.
  • Gleichzeitig fordert sie höhere wissenschaftliche Standards.
  • Sie zeigt, dass mehr hochwertige Forschung notwendig ist.

Dadurch liefert die Studie eine wichtige Grundlage für zukünftige Forschung zur Verbindung zwischen Wirbelsäule, Nervensystem und Gehirnfunktion.

Fazit für die Praxis

Die aktuelle Evidenz deutet darauf hin, dass chiropraktische bzw. spinale Manipulationen kurzfristige Veränderungen im Nervensystem und Gehirn hervorrufen können.

Ob diese Veränderungen jedoch direkt für klinische Verbesserungen verantwortlich sind, muss durch weitere hochwertige Studien noch genauer untersucht werden.

Die Übersichtsarbeit unterstützt damit eine zunehmend neurologische Betrachtung der Chiropraktik — mahnt aber gleichzeitig zu wissenschaftlicher Vorsicht bei weitreichenden Aussagen über „Gehirnoptimierung“.  

Quelle

Originalstudie von Meyer et al. (2019)

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