Studien zur Chiropraktik, #3
Eine 2024 veröffentlichte Studie von Klotzek et al. im Fachjournal MDPI untersuchte, ob chiropraktische Justierungen der Halswirbelsäule messbare Auswirkungen auf sogenannte sakkadische Augenbewegungen haben. Dabei fanden die Forscher Hinweise darauf, dass sich bestimmte neurologische Steuerungsmechanismen unmittelbar nach einer Behandlung verändern können.
Worum geht es bei sakkadischen Augenbewegungen?
Sakkaden sind schnelle Augenbewegungen, mit denen wir unseren Blick von einem Punkt zum nächsten richten — zum Beispiel beim Lesen oder Autofahren.
Diese Bewegungen werden vom Gehirn hochpräzise gesteuert und gelten als wichtiger Marker für:
- neurologische Verarbeitung,
- sensorimotorische Kontrolle,
- Aufmerksamkeit,
- Gleichgewicht und Koordination.
Störungen sakkadischer Bewegungen können mit Dysfunktionen verschiedener Hirnnetzwerke zusammenhängen.
Ziel der Studie
Die Forscher wollten untersuchen:
- ob eine chiropraktische Justierung der Halswirbelsäule die Augenmotorik beeinflusst,
- und ob sich dadurch Rückschlüsse auf Veränderungen zentralnervöser Prozesse ziehen lassen.
Studiendesign
Die Studie verwendete Infrarot-Oculographie — ein präzises und nicht-invasives Verfahren zur Messung von Augenbewegungen.
Gemessen wurden unter anderem:
- Geschwindigkeit der Augenbewegungen,
- Reaktionszeiten,
- Genauigkeit der Sakkaden.
Die Teilnehmer erhielten chiropraktische Justierungen im Bereich der Halswirbelsäule, bevor die Messungen erneut durchgeführt wurden.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Veränderungen der sakkadischen Augenbewegungen
Nach der HWS-Justierung zeigten sich signifikante Veränderungen in verschiedenen Parametern der Augenbewegungen.
Dies deutet darauf hin, dass die Behandlung Einfluss auf neuronale Netzwerke haben könnte, die an der Steuerung der Augenmotorik beteiligt sind.
2. Hinweise auf veränderte sensorimotorische Verarbeitung
Die Autoren interpretieren die Ergebnisse als möglichen Hinweis darauf, dass chiropraktische Justierungen der Halswirbelsäule die Verarbeitung sensorischer Informationen im Gehirn beeinflussen können.
Besonders relevant ist dabei die enge Verbindung zwischen:
- Halswirbelsäule,
- Gleichgewichtssystem,
- Augenmotorik,
- Kleinhirn
- und vestibulären Netzwerken.
3. Bedeutung für neurologische Funktionen
Da sakkadische Augenbewegungen häufig zur neurologischen Diagnostik genutzt werden, könnten die Ergebnisse darauf hindeuten, dass chiropraktische Interventionen nicht nur lokal auf Gelenke und Muskulatur wirken, sondern auch zentrale neuronale Prozesse beeinflussen.
Die Autoren sprechen dabei von möglichen neuroplastischen Effekten.

Warum ist diese Studie interessant?
Die Studie ist spannend, weil sie:
- objektive neurologische Messverfahren verwendet,
- direkte Veränderungen nach der Behandlung untersucht,
- und die Verbindung zwischen Wirbelsäule und Gehirnfunktion näher beleuchtet.
Besonders interessant ist die Rolle der Halswirbelsäule bei der Integration von:
- Gleichgewicht,
- Körperwahrnehmung,
- visueller Orientierung
- und motorischer Kontrolle.
Kritische Einordnung
Wie bei vielen neurophysiologischen Studien gibt es auch hier Einschränkungen:
- relativ kleine Stichprobe,
- kurzfristige Messungen direkt nach der Behandlung,
- noch unklare klinische Bedeutung der Veränderungen,
- weitere Forschung notwendig.
Eine frühere systematische Übersichtsarbeit kam zudem zu dem Schluss, dass zwar neurophysiologische Veränderungen nach spinalen Manipulationen beobachtet werden, deren klinische Relevanz aber bislang noch nicht eindeutig geklärt ist.
Fazit für die Praxis
Die Studie von Klotzek et al. liefert Hinweise darauf, dass chiropraktische Justierungen der Halswirbelsäule messbare Auswirkungen auf die Augenmotorik und damit möglicherweise auf zentrale neuronale Prozesse haben können.
Die Ergebnisse unterstützen die Vorstellung, dass Chiropraktik nicht ausschließlich biomechanisch wirkt, sondern auch die sensorische und neurologische Verarbeitung beeinflussen könnte.
Quelle
Originalstudie „Effects of Cervical Spinal Manipulation on Saccadic Eye Movements“
